Ein Garten ist kein Garten ist ein Garten oder Das verlorene Paradies

Geh’ schnell und passiere deinen Weg! Das sagten die wenigen Bewohner über jene Wüstenstadt im Süden Marokkos, die von der Berberdynastie der Almoraviden in die Wüste gebaut wurde und ob der feindseligen Umwelt lange wenig wirtlich war. Verballhornt und phonetisch immer wieder neu zusammengesetzt, wurde daraus schließlich das lautmalerische Marrakesch, das Marokko seinen Namen gab. Heute flieht man nicht mehr aus der pulsierenden Millionenmetropole, sondern flaniert durch die befestigte Medina mit ihren Souks und Märkten, die so manch orientalische Phantasien wecken und zauberhaft nähren. Es sei denn, um dem hektischen Stadtgetriebe und den vielen Touristen zu fliehen. Denn, die Gärten und wahren Oasen liegen außerhalb der Medina. Zu Besuch im verlorenen Paradies bei Anima von André Heller.

Von Doris Lippitsch

Marrakesch wird von schwarzafrikanischen Saharabewohnern, Schlöh- oder Schelha-Berbern aus dem Hohen Atlas und Anti-Atlas, Marokkanern aus dem südmarokkanischen Drâa-Tal, Nachfahren andalusischer Mauren und dem großen Rehamma-Stamm, besser unter Berabich bekannt, aus dem benachbarten Flachland bevölkert. Auch so manche Europäer und US-Amerikaner haben sich in und bei Marrakesch niedergelassen, nicht wenige betreiben ein Riad, ein traditionelles, marokkanisches Haus in der Medina. In einem solchen Riad mit Wasserbecken im lichtdurchfluteten Innenhof wohne ich. Schon der Weg dorthin im Taxi ist ein kleines Abenteuer. Die COP, internationale Klimakonferenz 2016, spült diese Tage für neue Vereinbarungen und Abkommen Fachpublikum aus aller Welt in die südmarokkanische Wirtschaftsmetropole, schon an der Avenue Guemassa staut es. Der junge Taxifahrer erzählt, dass er aus Casablanca komme und seit Jahren in Marrakesch arbeite und lebe. Viele Autos sind an diesem Sonntag um die Mittagszeit unterwegs, Diplomatenwägen mit ihren Sicherheitskonvois im Gegenverkehr, unzählige Kleinmotorräder, die durch die engen Gassen in der Medina an uns vorbei zischen, verhüllte Frauen in farbenprächtigen Djellabas und Tüchern, schwarze Augen, die  im Gegenlicht funkeln und einen unvermittelt anblitzen, Händler überall, Gewürze und Kräuter, Anis- und Orangenberge, Schubkarren, in denen sich Granatäpfel und Zitronen türmen, werden durch die Gassen gekarrt, Männer in ihren traditionellen Selhams, einer Djellaba über einer breitkrempigen Hose und einem langen, weiten Hemd. Geruchs- und Duftschwaden von schwarzem Kümmel, Ölen und Essenzen, Minze, Rinden, Zimt, ungefilterten Abgasen, Leder, Rauch, gegrilltem und rohem Fleisch, abgetrennten Tierbeinen und Eingeweiden im Rinnsal, Gemüse- und Obst dringen in das Wageninnere. Sie bezaubern, betören und rauben einem beinahe den Atem.

Jemaa el Fna, Marrakesch ©Foto: ANIMA

Jemaa el Fna, Marrakesch / Foto: ANIMA
 

Überall sitzen Männer und Frauen, alt und jung, geduldige Maulesel warten auf ihre nächste Last, ihre mandelförmigen Augen schauen fern, so weit wie unsere Augen nicht reichen, hie und da blitzt ein Riss oder mehr in einem Mauerwerk auf und gibt unerwartete Einblicke in verborgene Räume frei, Moscheen, überall Hunde, Katzen auf dem Weg, farbenprächtige Fliesen mit farbenfrohen, verspielten Arabesken, Kabelrollen, Elektrogeräte, Teppiche, Stickereien, Lederwaren, Obst, Gemüse und wieder Gewürze. Die Geräuschkulisse ist überwältigend. Endlich bin in der kleinen Seitengasse angekommen, in der sich das Riad befindet. Ich klopfe mit dem geschwungenen Messingknauf an die alte, schwere Holztür – in formvollendeter Tischlerhandwerkskunst – , die sich nach einer langen Minute langsam öffnet. Mein Gastgeber begrüßt mich mit seinem heiteren Bonjour! und führt mich in den Innenhof mit Bassin. Schon tut sich eine kleine Oase mit Vogelgesang auf, wir trinken Minzetee. Ich bin angekommen!

Anima - Dachlandschaft mit Koutoubia-Moschee ©Foto: Quer

Dachlandschaft mit Koutoubia-Moschee und Hohem Atlas im Hintergrund / Foto: Quer
 

Jardin Majorelle, Marrakesch ©Foto: Quer

Jardin Majorelle, in Marrakesch auch Bou Saf-Saf genannt, ist nach dem Aquarellisten Jacques Majorelle (1886–1962) benannt, der hier in den 1920ern seine Tuberkulose kurierte. Er kultivierte Edelhölzer und legte an der Avenue Yacoub el Mansour einen kleinen Garten an. Die Hausfassade ist in monochromem Blau gehalten, das mit den zarten Grüntönen der üppigen Vegetation stark kontrastiert. Nach seinem Tod wurde das verlassene Haus von Yves Saint-Laurent übernommen und zu einem Museum für Berber-Kunst umfunktioniert. Sehenswert, aber sehr touristisch. / Foto: © QUER

 

BERBER-LIPPENROT

Bald geht es in die Souks von Marrakech-la-Rouge, entlang der rostfarbenen, flammend altrosa und orangen Lehmmauern, die im intensiven Licht der maghrebinischen Sonne oszillieren. Ich lasse mich von den Eindrücken, dem Stimmengewirr, den Farben, Düften und Gerüchen treiben und entferne mich von allzu touristischen Pfaden und tauche ein in diese pulsierende, orientalische Welt, in der es einfach alles gibt: Destilliergeräte für Rosen- und Orangenblütenwasser, gebrannte Tongefäße für die marokkanische Küche (tajines), flache Körbe zum Sieben des Gerstengrießes für Couscous (tbeck), Kräuter gegen Husten und Verkühlung (fliou), Lakritzen (arksous), Berber-Lippenrot (laakar), Amber, Walnussrinde (soek), Liebeskräuter (ochob el Hob) für Tee mit Zucker, Gummiarabikum (meska), Vogelstraußfett, Safran, Arganöle, Eisen- und Silberspangen, die bekannten m’ghazel, ja, sogar mit Skorpionen, Amuletten, Rabenflügel und Schwarzer Seife (sabon baldi) wird hier gefeilscht. All das lasse ich mir zeigen und verbringe da und dort eine gefühlte Ewigkeit. In den Souks komme ich an einer baufälligen Moschee vorbei und erkundige mich nach der Baustelle, schnell bin ich mit dem bärtigen Mann in seiner Djellaba im Gespräch. Er will mir noch etwas zeigen. Er führt mich durch verwinkelte enge Gänge in das Labyrinth eines alten Berber-Palais. Schwaches Licht, dann große, lichtdurchflutete Räume, der Springbrunnen im alten, nun überdachten Innenhof ist versiegt, aber Myriaden von Farben umgeben mich hier. Youssef kommt mir entgegen und begrüßt mich in diesem Teppichtempel und bietet mir Tee. Sein Gehilfe breitet Teppiche vor mir aus, viele Teppiche, Youssef erzählt und erzählt mir beredt die Geschichten, die sich vor meinen Augen auf den Naturfasern entfalten, über die Teppichkunst der Berber, von Berberdörfern im Rif, im Hohen Atlas und von Tälern, wir beginnen zu handeln und trinken dabei Tee. Als ich diesen Farben- und Geschichtentempel verlasse, ist eine gute Stunde vergangen, ich suche nun den zentralen Platz Jemaa el Fna, was übersetzt so viel Konvent oder Runde der Toten bedeutet (Assemblée des Morts). Da, wo früher die Köpfe der Sträflinge und Verurteilten zur Schau gestellt worden waren, tummeln sich heute die vielen Händler,  Schlangenbeschwörer, Arracheur des dents, Wasserverkäufer und Touristen ...

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