Der "getaufte" Surrealist

Bogdan Bogdanovićs Gedenkstätten im sozialistischen Jugoslawien: Den Toten eine Blume.

von FRIEDRICH ACHLEITNER

Seine Gedenkstätten sind mit dem Vokabular heutiger Architekturtheorie nicht oder kaum zu beschreiben. Dieser Europäer aus Serbien war nicht nur der Architekt von rund zwanzig Gedenkstätten, verteilt über das ganze Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, sondern auch ein unorthodoxer Stadtforscher, ein "getaufter" Surrealist und Querdenker, ein Schriftsteller von Graden und ein politisch deklarierter Antinationalist, der von Miloševic vertrieben wurde und der die letzten Jahre seines Lebens - von 1993 bis 2010 - im Wiener Exil verbrachte.

Seine übernationalen, multiethnischen und transreligiösen, dem Leben zugewandten Erinnerungsstätten gehören heute zu den eindrucksvollsten in die Landschaft eingeschriebenen künstlerischen Orte des Gedenkens der europäischen Kultur, auch sind sie Plätze der Ermutigung für neues Zusammenleben der Ethnien, Nationalitäten, Religionen und Regionen. Diese Denkmäler, Gedenkstätten, Mausoleen und Nekropolen sind, auch wenn sie oft von gebannten Monstern belagert werden, positive, der Zukunft und dem Leben zugewandte, aber auch aus der Zeit hin­ausweisende Orte. Es ist kein Zufall, dass viele dieser Orte von jungen Menschen oder Familien mit spielenden Kindern bevölkert werden. Während die meisten Denkmäler der jüngeren Geschichte das Denken behindern oder gar verbieten, ermutigen die Gedenkstätten B.B.s, ja fordern geradezu das Denken heraus. Sie kennen kein Verkündigungspathos, vermitteln keine Gewissheiten, sind schon gar nicht belehrend, zählen weder auf noch nach, rechnen nicht ab, geben aber den Inhalten ihr volles Gewicht, gönnen den zu gedenkenden Ereignissen allen nur denkbaren Raum, schenken ihnen Aufmerksamkeit, am liebsten mit den dauerhaftesten Materialien und höchstem künstlerischen und handwerklichen Aufwand.
(...)

Obwohl das Werk von B.B. ohne die Wurzeln der Moderne (etwa des Surrealismus) nicht denkbar ist, unterwarf es sich nicht dem Zeitgeist, den Doktrinen einer aktuellen Tagespolitik, einem linearen Fortschrittsglauben oder gar der Zeichenwelt politischer Ideologien. Bogdan Bogdanović konnte durch seine bis in die Urgeschichte zurückreichende außerordentliche Bildung sozusagen im Bewusstsein der europäischen und außereuropäischen Kulturen erfinderisch arbeiten, ohne dabei historistisch oder gar eklektizistisch zu werden. Seine Objekte der Erinnerung sind freie Erfindungen mit symbolischen Bezügen, die aber keine definitive Deutung erlauben. B.B. verwehrte sich streng gegen eine rein rationale, engstirnige Erklärung symbolischer Inhalte, er akzeptierte ihre anregende Energie (auch ins Fantastische gesteigert), gewährte aber gleichzeitig einen spielerischen Umgang mit deutenden oder weiterführenden Gedanken.

Die Gedenkstätten bilden heute, über die Grenzen der einstigen Teilrepubliken Jugoslawiens hinaus, ein kulturelles Netz von Beziehungen, und sie sind zu Symbolen uralter Verwandtschaften und Konflikte geworden (...) Er hat hier seinen geliebten Landschaften und Menschen ein Erbe hinterlassen, das sie vermutlich heute noch gar nicht begreifen können, das sich aber in ihre Kulturen unzerstörbar eingeschrieben hat; dieses Erbe ist ein Versprechen für die Zukunft. Er hat alles getan, mehr konnte er nicht tun, aber er hat es getan, könnte man Bogdanović sinngemäß zitieren.

Dieses Buch ist kein architekturhistorischer Essay. Dieser Bericht ist als Blick von außen das Ergebnis einer mehr als zehn Jahre währenden Freundschaft mit Bogdan und Ksenija Bogdanović, vieler Gespräche und mehrerer Reisen zu allen Gedenkstätten. Die lange und intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk und nicht zuletzt mein Versprechen einen Tag vor seinem Tod, dieses Buch zu schreiben, geben mir den Mut. Es kann nur ein kleiner Beitrag für kommende Auseinandersetzungen sein, denn ich bin mir sicher, dass dieses unglaublich vielfältige Werk noch Generationen von Architektur-, Kunst- und Kulturforschern und -forscherinnen beschäftigen wird.

Friedrich Achleitner: Den Toten eine Blume
Fotos: Friedrich Achleitner,
Bogdan Bogdanović, Az W
Grafik: lenz + büro für visuelle ­gestaltung, Gabriele Lenz und ­Elena Henrich
184 Seiten, Paul Zsolnay Verlag Wien 2013
ISBN 978 3 552 05647 3

Mein ausdrücklicher Dank geht an Ivan Ristic, der bei den Gesprächen mit B. B. teils simultan aus dem Serbischen übersetzte. red

Architektur im Radio:
Friedrich Achleitner und Doris Lippitsch über Bogdan Bogdanović:
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