DIE URHÜTTE DER MODERNE

Es mag verwegen klingen, aber der heimliche Ursprung der modernen Architektur liegt in der österreichischen Provinz! Epos ohne Kampf, Drama ohne Konflikt: von Adalbert Stifters Rosenhaus aus dem „Nachsommer“  zum Almabtrieb in der „unheimlichsten Provinz“ im ganzen Land. 

 

Von Uwe Bresan

Den Anfang meiner Geschichte bildet ein Haus hoch oben in den Bergen von Tirol. Weit oberhalb des Stadtkerns von Imst steht es zwar noch innerhalb der Gemeindegrenzen, hält aber sicheren Abstand zum brachial verbauten Weichbild der Touristenstadt. Nur zwei Hotels, Bettenhäuser im spätmodernistischen Tiroler Stil, haben sich in den vergangenen 80 Jahren bis auf Sichtweite angenähert. Ansonsten sind das Haus und seine nähere Umgebung bis heute unverändert geblieben. Errichtet wurde der „Lärchenhof“ Mitte der 1930er Jahre vom Stuttgarter Professor Paul Schmitthenner als Ferienhaus für sich und seine Familie. Hier spielte der gefeierte und vielbeschäftigte Architekt den Bauern. Dass er es nur spielte, sieht man dem „herrschaftlichen Stadel“ deutlich an. Alles ist ein wenig zu fein geraten, um tatsächlich das raue Herz eines Tiroler Bauern zu erwärmen.

 

HEIMLICHER URSPRUNG DER MODERNEN ARCHITEKTUR

Der Grundriss ist schlicht und funktional. Platz für einen Herrgottswinkel gibt es nicht. Allein die Konstruktion aus Lärchenholz bestimmt Maß und Form. Kaum möbliert, ist alles auf das Notwendige und somit das Schöne reduziert. Kurz, das Haus ist modern, aber ohne seine Modernität zu betonen. Schmitthenner sprach in diesem Zusammen- hang gern von der „Qualität des Unscheinbaren“ – ein Konzept, das in unserer heutigen Aufmerksamkeitsökonomie kaum noch tragfähig erscheint. Gleichwohl faszinierte mich das Haus, seit ich es das erste Mal sah, und ich begann, mich eingehend mit dem Architekten und seiner Haltung zu beschäftigen. Meine Forschungen führten mich dabei nicht nur bis an die heimlichen Ursprünge der Modernen Architektur zurück, sondern auch von Tirol in die Provinz Oberösterreich. Denn genau hier nimmt die Geschichte des „Lärchenhofs“ ihren unscheinbaren Anfang.

 

Lärchenhof ©Lärchenhof

 

DAS ROSENHAUS IN ADALBERT STIFTERS „NACHSOMMER“

Wir schreiben das Jahr 1857 und im beschaulichen Donaustädtchen Linz sitzt Adalbert Stifter, Oberschulrat von Oberösterreich und gefeierter Dichter, an seinem Meisterwerk. Es wird das „langweiligste Buch der Weltliteratur“ werden – ein Epos ohne Kampf, ein Drama ohne Konflikt, eine Erzählung ohne jeden Höhepunkt. Stifters „Nachsommer“ besticht allein durch das Ausbleiben jeglicher Ereignishaftigkeit: In nie dagewesener Langatmigkeit schildert der Dichter die Lebensgeschichte des jungen Wanderers Heinrich Drendorf, der eines Tages von einem aufziehenden (und dann doch ausbleibenden) Gewitter überrascht wird und deshalb Ausschau nach einer Unterkunft hält: „Auch war ein Haus auf einem Hügel, das weder Bauernhaus noch irgendein Wirtschaftsgebäude eines Bürgers zu sein schien, sondern eher dem Landhause eines Städters glich.“ Damit ist das so genannte Rosenhaus in den Roman eingeführt und unser Wanderer verbringt, nachdem er um Obdach gebeten hat, mehrere Tage in der Gesellschaft des Hausherrn und seiner Familie. Beim Abschied ergeht an Heinrich die Einladung, das Haus und seine Bewohner auch in Zukunft regelmäßig zu besuchen. Was danach auf knapp 1.000 eng bedruckten Seiten an äußerer Handlung folgt, ist des Nacherzählens kaum wert. Wir können es mit der einfachen Feststellung belassen, dass Heinrich am Ende die Tochter seines Gastgebers heiraten wird und ihm damit ein Leben in „Einfachheit, Halt und Bedeutung“ auf ewig gesichert ist. In Österreich verehrt man den Dichter dafür heute fast als Nationalheiligen, vor gut 150 Jahren jedoch bedeutete „Der Nachsommer“ das Ende einer hoffnungsvollen Karriere. Die Kritiker waren gnadenlos. „Drei starke Bände!“, schrieb Friedrich Hebbel bei Erscheinen: „Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.“ Den Dichter traf das Urteil seiner Zeitgenossen hart. An seinen Verleger schrieb er jedoch: „Ich weiß es zuverlässig: Ihr Sohn wird die Früchte dieses Buches ernten, es hat eine Zukunft, weil es für das gegenwärtige Geschlecht zu tief ist und erst reifen muss, es hat gewisser eine Zukunft als alles, was ich frü- her geschrieben habe.“ Auch wenn Stifter damit Recht behalten sollte, so bildete der Misserfolg seines Romans doch den Anfang eines langsamen, fast 10 Jahre währenden Sterbens. Am Ende verabschiedete sich der von Alkoholexzessen und schweren Depressionen aufgezehrte Stifter selbst mit einem Schnitt durch die Kehle von dieser Welt. Ehrenretter, die dem Dichter seinen Selbstmord nicht gönnen wollten, sprachen später gar von einem Unfall beim Rasieren – zu Mitternacht, im Bett liegend! Die Todesurkunde hingegen vermerkte lapidar: „Zehrfieber infolge chronischer Atrophie“ – Leberzirrhose. (Einen Selbstmörder hätte man wohl neben dem Friedhof beerdigen müssen.)

 

HOHELIED DES HAUSES UND LEHRBUCH FÜR SCHÖNES LEBEN

Was die Literaturkritik lange übersah: Stifter hatte keinen Roman im herkömmlichen Sinne geschrieben, sondern ein Lehrbuch – ein „Lehrbuch des schönen Lebens“! Wir würden das heute wohl einen Styleguide nennen: „Wer sich darüber unterrichten will, wie man seine Privatwohnung, seine Bibliotheken, seine Gärten, seine Werkstätten usw. ebenso geschmackvoll wie zweckmäßig ausstatten kann, findet in diesem Roman die reichhaltigsten Notizen.“ Stifter nutzte den vollkommenen Verzicht auf Handlung für die wohl ausführlichste und weitschweifigste Architekturbeschreibung der Literaturgeschichte. Kein Raum des Rosenhauses wird ausgelassen. Jedes noch so winzige Zimmerchen ist eingehend und umständlich beschrieben – angefangen bei den verschiedenen Maserungen der Holzböden, über alle nur erdenklichen Details der fein-ziselierten Möbelstücke bis hin zu den unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Räume bei sich ändernden Wetterlagen. Ein „Hohelied des Hauses“ nannte man den Roman deshalb später. Das 19. Jahrhundert, eine Epoche revolutio- närer technischer und wirtschaftlicher – und damit letztlich auch gesellschaftlicher – Entwicklungen konnte an Stifters langatmiger Darstellung kein Interesse haben. „Einen Menschen des 19. Jahrhunderts, für den Zeit Geld ist, würde der Roman“, so ein Kritiker, „allmählich zur Verzweiflung bringen.“ So dauerte es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, ehe die Zeit reif war für die Wiederentdeckung des „Nachsommers“. Im Zuge der Lebensreform setzte sich das Bürgertum nun mit den zunehmend als bedrohlich empfundenen Folgen des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts auseinander. Immer deutlicher zeigten sich dessen unkontrollierbare Folgen für Mensch und Natur. Die Erfahrung gestörter Kontinuitäten, ein nie dagewesener Bruch mit den Traditionen, prägte das Lebensgefühl. Im vermeintlichen Chaos einer immer komplexer werdenden Welt bildete Stifters „Nachsommer“ plötzlich eine Art Fluchtpunkt in eine andere, scheinbar geordnete Realität. Und die Längen des Romans? Sie verwandelten sich in eine „heilsame Langeweile“. Entschleunigung lautete das Motto, damals – wie heute!


VON ÖSTERREICH HINAUS IN DIE WELT

Die Architekten wiederum entdeckten in Stifters häuslicher Idylle den künstlerischen Höhepunkt einer letzten, von einem einheitlichen Stilwillen getragenen Epoche, an deren Ende man nun wieder anzuknüpfen habe. So ging der Schlachtruf: „Das Biedermeier als Erzieher!“ von Österreich hinaus in die Welt. Das unscheinbare, in die umgebende Landschaft eingebettete Rosenhaus, in dem sich schlichte Zweckmäßigkeit in der Anordnung mit edler Material behandlung im Detail verband und dessen architektonische Wahrhaftigkeit sich letztlich auch auf das Dasein seiner idealen Bewohner zu übertragen schien, das heißt Kunst und Leben zu einer Einheit zu verschmelzen, entwickelte sich zur Blaupause einer Neuen Sachlichkeit. Sie löste den Stil- und Fassadenkarneval des Historismus ab. Das Rosenhaus geriet dabei zur beherrschenden Urhütte der Moderne: „Über Gestaltungsfragen redeten die Figuren dieses Romans wie die Reformer der Werkbundbewegung.“ Gemeint ist damit auch die Generation von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969), dessen legendäre „Villa Tugendhat“ in Stifters Rosenhaus „präfiguriert“ war, und Le Corbusier (1887-1965), der in seinem Manifest „Vers une Architecture“ über „Häuser wie Nachsommergedichte“ fabulierte. Auch Paul Schmitthenner (1884-1972), dessen unscheinbares Imster Ferienhaus wir eingangs kennenlernten, ließ sich von Stifters Roman inspirieren. Er „lebte und wirkte“, so einer seiner Schüler, „geradezu in der Welt des Nachsommers“. Zu seiner eigenen Haltung schrieb Schmitthenner 1941:

„Unsterbliche Baumeister gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes. Allein, wenn auch nicht jedes Bauwerk hohe Baukunst sein kann, so kann es doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Dauernden beizutragen, das war die Absicht bei meinem Bauen.“

ALMABTRIEB IN DER UNHEIMLICHSTEN ÖSTERREICHISCHEN PROVINZ

Auf der letzten Station meiner Reise, in Kärnten, der wohl unheimlichsten Provinz Österreichs, wohnte ich einem feierlichen und fröhlichen Almabtrieb bei. In speckige Lederhosen gekleidete, stramme Burschen trieben zum Takt der Blaskapelle ihr mit Kränzen und Blumen geschmücktes Rindvieh vom Berg ins Tal, wie dies seit Hunderten von Jahren geschieht. Ich saß am Rande, blätterte in Stifters „Bunten Steinen“ (1853) und las:

Almabtrieb ©Almabtrieb

„Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes. Allein, wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so könnten sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften.“

Ich lächelte still in mich hinein und begann leise vor mich hin zu murmeln: „Gute Essayisten gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes. Allein, wenn auch nicht jeder Beitrag ein guter Essay sein kann, so könnte er doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Ein Körnlein Gutes ...“

Downloads