EM 2012 –

8a ©Wilhelm Martha

Fußball ist (weit) mehr
als nur ein Sport

8b ©Alasdair McLellan

Die Fußballeuropameisterschaft bewegt zig Millionen Menschen. Nach den Fußballweltmeisterschaften und den Olympischen Sommerspielen sind Fußballeuropameisterschaften jenes Sportereignis, das die meisten Menschen vor den Fernsehschirmen versammelt. In Deutschland haben knapp 57 Millionen Zuschauer mindestens eines der 31 Spiele der EM 2008 in Österreich und der Schweiz in ZDF oder ARD gesehen. Das sind sage und schreibe 78 Prozent aller potentiellen Fernsehzuschauer in ganz Deutschland. Mindestens 155 Millionen Fußballfreunde weltweit sollen jedes der Matches der EM im TV verfolgt haben. Selbst wenn man diese Zahlen mit Vorsicht genießt (der FIFA werden hier immer wieder Manipula-tionen vorgeworfen), so bleibt doch die Einsicht, dass wir es hier mit einem Medienspektakel von beträchtlichem Ausmaß zu tun haben.

Ein solches ist gewiss auch die laufende Europameisterschaft, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Inszenierung der Fußballer, die der von Popstars gleichkommt. Der erste globale Vertreter dieser Spezies war wohl David Beckham, dessen Wechsel zu Real Madrid vermutlich weniger seinem fußballerischen Können als seinem Appeal als Quasi-Popstar auf dem ostasiatischen Markt geschuldet war. Seinen präsumptiven Nachfolger, den Portugiesen Cristiano Ronaldo, derzeit im Hauptberuf in Real Madrids Diensten stehend, werden wir gewiss als den Superstar der EM präsentiert bekommen. Schätzungen zufolge be­trägt sein Marktwert gegenwärtig 80 Millionen Euro – eine absurde Summe fürwahr, aber zugleich ein trefflicher Indikator dafür, wohin sich das einstige Spiel der rauen männlichen Arbeiterbevölkerung ­in den letzten gut hundert Jahren entwickelt hat.

    VON DER WIENER LIGA
    ZUR CHAMPIONS LEAGUE
Nun wäre es aber ein recht kurzsichtiger Zugang, dieses massenmediale Spektakel für das Ganze des Fußballs zu nehmen. Immer noch ist dieses Sportspiel – vor allem in seinen regionalen und lokalen Artikulationen – auch als ein Moment politischer und kultureller Identitätsbildungsprozesse zu sehen. Differenzieren wir die unbestimmte Menge der Fußballinteressierten in die unterschiedlichen Gruppen der Anhänger, Kunden und Konsumenten, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Den vom Medienspektakel faszinierten Konsumenten und den am Fußballspiel allgemein interessierten Kunden stünden auch heute noch die Traditionalisten, also die loyalen Anhänger eines bestimmten Vereins gegenüber. Sie sind es, die in diesem Zusammenhang vor allem interessieren, und es gibt sie, wenngleich unterschiedlich figuriert, auf allen Ebenen des Fußballspiels, von der Wiener Liga bis zur Champions League.
    Vor geraumer Zeit habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Matthias Marschik im Rahmen einer internationalen Untersuchung eine Studie über die Besucher und Besucherinnen von Länderspielen und Bundesligaspielen, aber auch von Spielen der Wiener Liga und der Burgenländischen Landesliga durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass – wenigstens was Österreich betrifft – auf dieser, der unteren Ebene, am ehesten eine echte Vereinsbindung manifest wird. Hier finden wir Anhänger im klassischen Sinne, die regelmäßig die Spiele ,ihres‘ Vereins besuchen, und zwar in einer ganz und gar alltäglichen Alltagspraxis. Der Verein ist ihrem Leben gleichsam als wichtiges Moment eingeschrieben. Wenn wir versuchen, die Daten ideal-typisch zusammenzufassen, so ergibt sich folgen-des Bild: Lokale Vereinsanhängerschaft ist in Wien (auf der Ebene des unterklassigen Fußballs) viel eher Teil einer breiteren – wesentlich maskulinen – Fußballkultur, die auch die Anhängerschaft zu einem großen Wiener Verein inkludieren kann. Sie ist nicht exklusiv auf den einen lokalen Verein zu reduzieren.
    Anders präsentiert sich das Bild im Falle des Burgenlandes. Hier ist der lokale Klub unbestritten die Nummer eins, er ist wichtiger Teil einer bestimmten, eigenen (manchmal dörflichen, manchmal kleinstädtischen) Welt.

    VOM NEAPOLITANISCHEN
    HERRGOTTSWINKEL ZUR
    HEILIGEN JUNGFRAU MARIA
Aber auch der große, wesentlich medial geprägte Fußball kannte und kennt solche, eigentlich als atavistisch zu bezeichnende Phänomene. Ein Beispiel aus den 1980er Jahren ist die Geschichte des FC Napoli, der mit Diego Maradona 1987 den ,scudetto‘ gewinnen konnte. Dieser Meisterschaftsgewinn eines Vereins aus dem Süden Italiens versammelte ganz Neapel in einer Wendung gegen den reichen Norden. Fortan ward Maradona Neapolitaner, sein Bild findet sich noch immer in so manchem Herrgottswinkel neben dem der Heiligen Jungfrau Maria. Durch seine Leistungen wurde er, der Argentinier, zum lokalen Helden.
    Die Mutation eines sogenannten ,Legionärs‘ zum Vertreter einer Kultur, die er als ,Fremder‘ betrat, ist so selten nicht. Funktionieren kann sie allerdings nur, wenn sie von beiden Seiten (vom Spieler und den Anhängern) ernst genommen wird. Hans Krankl ist so ein Beispiel. Immer wieder betont er, dass er auch Katalane sei. So eigenartig das dem nüchternen außenstehenden Betrachter auch vorkommen mag, dokumentiert es doch, dass der ,Goleador‘ verstanden hat, worum es beim FC Barcelona auch geht. Nicht nur ein sehr erfolgreicher und eigenwilliger Fußballerverein ist er, sondern, wie es einer seiner Chronisten formulierte, „die epische Sublimierung des katalanischen Volkes in einer Fußballmannschaft“. Und das hat durchaus historische Gründe. Unter der Franco-Diktatur fungierte der Klub als Symbol des antifaschistischen katalanischen Widerstandes, er versammelte – räumlich (in den versteckten Kammern des Stadions wie in seinem Oval) und symbolisch – diverse Insurgenten unter dem Mantel des ,Sports‘. Die Verfolgung jeglichen Ausdrucks katalanischer Identität bewirkte eine Projektion der regionalistischen Gefühle auf den Fußballverein Barça, die am klarsten in der Präsenz von über 100 000 Zuschauern, vor allem wenn es sich um ein Spiel gegen den Vertreter der Zentralmacht, Real Madrid, handelte, zum Ausdruck kamen. Auch heute noch steht der FC Barcelona für Katalonien und damit für die Betonung regionaler Eigenständigkeit im spanischen Staatsverband. Eine Niederlage von Barça gegen Real ist daher immer mehr als nur ein Fußballergebnis, es steht für den (wenn auch nur temporär empfundenen) Sieg der Zentralmacht. Fußball, so viel steht fest, ist eben mehr als nur Sport.

Text: ROMAN HORAK

Dr. Roman Horak, geb. 1953, Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien und Leiter der Abteilung Kunst- und Kultursoziologie ebendort. Von 1998 bis 2007 Mitglied des International Board der Zeitschrift Cultural Studies, derzeit im internationalen Beirat der International Review for the History of Sport, des European Journal of Cultural Studies und von Culture Unbound; Vorstandsmitglied der Association for Cultural Studies (ACS).