Die Blaue Scheibe

Blaue Scheibe ©schnepp • renou photographie

Ortner & Ortner mit Haus-Rucker-Co

Blaue Scheibe ©schnepp • renou photographie

Unversehens hat sich das Büro Ortner & Ortner Baukunst in den letzten zwanzig Jahren von Wien und Berlin aus zu einem der wichtigsten Architekturbüros in Europa gemausert. Vom Wiener MuseumsQuartier über Wien Mitte nach Berlin, Düsseldorf, Duisburg, Dresden, Stuttgart: Bibliotheken, Shoppingmalls, Fernseh- und Hörfunkstudio, Banken und Hochhäuser, dazu Masterpläne für die Rückgewinnung der Innenstädte und Schaffung neuer urbaner Quartiere – glücklicherweise kein stupor mundi, aber staunenswert große und viele Projekte, die über die Jahre ihrem Büro und den Entwurfstischen entsprungen sind.

Die schöne Zweckfreiheit
ästhetischer Reflexion


So viele, dass Laurids und Manfred Ortner nunmehr ihre Namen zum Signet und Logo O&O verkürzt haben. Das darf man ruhig mit Oh! Oh! wiedergeben beziehungsweise aussprechen. Fünf Partner haben sie letztes Jahr in ihre Bürogemeinschaft aufgenommen, auch, um sich persönlich nunmehr erneut und wieder stärker dem künstlerischen Pol der Bau-Kunst zuwenden zu können, ohne damit gleich zum Kunstbau überzulaufen – sie wollen sich wieder mehr der schönen Zweckfreiheit ästhetischer Reflexion und künstlerischer Produktion widmen. Dazu haben sie in Berlin Charlottenburg die Galerie O&O Depot gegründet, in der gegenwärtig die „Blaue Scheibe“ gezeigt wird.


Die Blaue Scheibe –
Das Versprechen einer Freiheit


Im riesigen Format von 3,20 auf 3,60 m hängt eine Kreidezeichnung der „Blauen Scheibe“ just gegenüber dem Eingang der Galerie. Es ist eine Untersicht. Die Blaue Scheibe schwebt hoch über dem Betrachter in luftigen, unbestimmten Sphären. Die Bodenplatte, auf der sie stehen müsste, wenn es sich um Architektur handelt, scheint in Glas ver-wandelt. Fasziniert folgt das Auge den Linien und Strichen hinauf zur Scheibe, in der dezentriert ein Loch klafft, dessen Pfropfen irgendwo im Zwischenreich darunter hängt. Langsam nur entziffern sich die Linien, Striche und Schatten zu Tripodien mit ausziehbarer Stange, auf denen die Blaue Scheibe liegt. Baugerüste, Scheibe, am Rand ein befremdlicher, an Aufzugskörbe erinnernder Kasten, eine Art Treppe – gewiss, das sind Versatzstücke der konkreten dinglichen Kunst, der Architektur. Aber ist sie es auch?
    Das Blatt widersetzt sich solcher Zuordnung, entzieht sich dem schnellen Urteil. Es will sich in den Rahmen der Zweckmäßigkeit nicht spannen lassen, den wir der Architektur anlegen. Der seltsame Blickwinkel verrätselt das Objekt mehr als er es erklärt, lässt es eher zu einem fremdartigen Idol werden als zu einem nützlichen Bau. Vielleicht aber sind wir Betrachter bloß in einem Verlies gefangen, gefesselt von Verpflichtungen und Bedenken, kleinlichen oder berechtigten Erwägungen über Haltbarkeit und Nutzen, Beständigkeit und Zweck. Und plötzlich verheißt die Blaue Scheibe im grüngrauen Himmel das romantische Versprechen einer Freiheit, die wir bloß zu ergreifen bräuchten, um ihrer teilhaftig zu werden, deren Treppe wir lediglich zu begehen hätten, um dort anzulangen, wo Phantasie und Einfallsreichtum noch eine Aufgabe haben und Sehnsucht erzeugen. Einmal das Haupt durchs Loch in der Blauen Scheibe gesteckt, und schon sind der Anblick und die Unendlichkeit des Gestirns unser – Heinrich von Kleists somnambuler Prinz Homburg: Gleich, oh Unendlichkeit, gleich bist du ganz mein …
    So krass utopisch verhält es sich mit der Blauen Scheibe von Manfred Ortner in Wirklichkeit natürlich nicht. In den Galerieräumen fällt der Blick sogleich auf ebenso groß dimensionierte Blätter der Blauen Scheibe in Seiten- und Längsansicht, dazu verschieden große Modelle und wunderhübsche Ansichtsblätter mit Buntstiftzeichnungen, die das Objekt im Stadtraum zeigen, sowie diverse Skizzen und Studien. Tatsächlich entstand die Blaue Scheibe 1986 mit einem konkreten Architekturauftrag von Werner Hofmann, seinerzeit Direktor der Hamburger Kunsthalle. Am Glockengießerwall in Hamburg wollte er mitten in den starken Verkehrsstrom eine Insel der Kunst setzen lassen, die auf die Kunsthalle aufmerksam macht. Er bat Ortner & Ortner um Vorschläge und Entwürfe. Gebaut wurde die Blaue Scheibe nie, wohl aber in Ausstellungen in Florenz und Wien bis 1992 mehrfach gezeigt.
    Die Blaue Scheibe also ist keine neue Arbeit. Aber was zumal ihre Untersicht als promesse du bonheur, als Glücks- und Freiheitsversprechen der Kunst, transportiert, ist frisch und aktuell geblieben. Genau genommen wurde der Auftrag seinerzeit der Gruppe Haus-Rucker-Co erteilt, die von Laurids Ortner, Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter 1967 gegründet wurde und der Manfred Ortner 1971 beitrat. Mit temporären Interventionen in Kassel, Düsseldorf, Wien und New York war sie bekannt geworden, dreimal zur Documenta nach Kassel geladen; anarchisch-ästhetische Objekte zwischen Kunst und Architektur, die mehr artistische Performance zur Schulung von Sehen und Wahrnehmung intendierten als baufähige und benutzbare Architektur. Haus-Rucker-Co war ein herausragendes, prominentes Kind seiner Zeit. Nach den funktionalistischen Wüsteneien der 1960er und 1970er Jahre sollte und musste der ästhetische Anspruch der Architektur erst wieder zurückgewonnen werden. Wie bitter nötig das war, zeigt sich, sobald man die großformatig gebauten Scheußlichkeiten jenes Tiefpunkts der Architekturgeschichte sich noch einmal vor Augen ruft.


Die wundersame Verwandlung
einer freien Künstlergruppe
in ein Büro


Der Erfolg frisst seine Kinder, aber ernährt sie nicht – 1992 trat Haus-Rucker-Co letztmals zur Eröffnung der Kunsthalle Wien auf. Die Gruppe verpuppte sich und ihre Mitglieder arbeiteten im eigenen Namen als Architekten und Lehrer weiter. Laurids und Manfred Ortner hatten bereits 1982 ein eigenes Architekturbüro gegründet, nun transformierten sie Schritt für Schritt die mit Haus-Rucker-Co gemachten interventionistischen Erfahrungen architektonischer Ästhetik in konkretes Bauen. Die wundersame Verwandlung einer freien Künstlertruppe in ein Büro mit fast klassisch beruhigter, urbaner Architektursprache vollzog sich, in welcher der Stadtraum konzeptionell stets dem Auftreten solitärer Architekturobjekte vorangestellt wurde. Gleichwohl behielten diese selbst die lapidare Sprache der ersten Geometrien, der Urkörper unter dem Licht der Sonne, nur verschoben sie deren reine, puristische Sprache durch leichte Irritationen in Farbe, Material und lediglich gebremstem Formenspiel.
    Dennoch ist das Projekt „Blaue Scheibe“ von 1986 kein bloßer Rückblick, sondern geradezu eine Art Brückenschlag ins Heute. Angewidert von den scheinbar perfekten Renderings (Schaubildern) der Architekturprojekte, die heute den mit Daten überfütterten Computern entspringen, hat Manfred Ortner in den letzten Jahren von den Büroaufträgen sogenannte „Staub-Bilder“ angefertigt. Sie geben vor, aus dem zu Staub zermahlenen Material der zu bauenden

Libellen ©Manfred Ortner

Häuser gemalt worden zu sein, matte, wie in Dunst getauchte Perspektiven und Ansichten. Als Kreide-Bilder gewinnen sie eine ästhetische und räumliche Tiefe, wie sie dem Flächenglanz der Computer-renderings vollständig verwehrt ist. Sie haben eine Schönheit, die vom Glanz der Computerzeichnungen abperlt wie Regenwasser von Funktionskleidung – sie nützt bloß, aber vermittelt keine Erfahrung.
    Von Malweise und Ausdruck her sind die Bilder im Sinne Giorgio de Chiricos metaphysischer geworden. Auf ihn bezieht sich Manfred Ortner gedanklich – das Rätsel der Objekte im Raum. Sie sind serener, statuarischer und haben die anarchische Lust an der Provokation verloren, die den Blättern der „Blauen Scheibe“ noch anhaftet. Aber unübersehbar haben sie motivische Verwandtschaften,

Libellen ©Manfred Ortner

wenn die „Blaue Scheibe“ im jüngsten Projekt der Ortners fürs Wiener MuseumsQuartier, den „Libelle“ genannten Pavillon auf dem Kunstmuseum, morphologisch verwandelt wieder auftaucht.
    Wohl wegen der ästhetischen Erfahrung, die an solchen mit der Hand gedachten (sic!) Architekturbildern gemacht werden kann, widerfährt Manfred Ortners Bildern heuer die Ehre, auf der von David Chipperfield kuratierten Biennale d’Architettura in Venedig im Herbst gezeigt zu werden. Nicht umsonst trägt sie den Titel „Common Ground“ – das Gemeinsame der Architektur für Bevölkerung, Gesellschaft und Planer, das durch die medialen, digitalen und elektronischen Machinationen der Gegenwart vom Verlust bedroht ist. Kann Kunst den Zerfall des Ganzen einen? Wenigstens die Hoffnung darauf stirbt zuletzt.

Text: GERWIN ZOHLEN

13. Architektur­biennale Venedig: 29. 8. – 25. 11. 2012