Selfstorage und digitale Hamburger

Mit Selfstorage können Raum und Zeit frei gestellt werden, während digitale Daten in Wolken gespeichert werden. Die Rechenzentren sind weltweit verstreut. Im Herbst werden die Clouds auf dem heimischen Markt erwartet.

Abteilnummer 3156. Wie überdimensionale Schließfächer einer Bank reihen sich die blauen Türen aneinander. Kuschelrock durchdringt die Monotonie der Zellen. Die Lagerflächen nehmen nahezu alles auf, wovon sich Städter befreien wollen. Das Storage am Gaudenzdorfer Gürtel ist eine der sieben Niederlassungen des Lagerraum-Anbieters MyPlace in Wien. In der Zelle 3156 sind neben Hausrat und Möbeln allerlei Zeitschriften, Medien und Notizen verstaut. Für den Außenstehenden ist dieser Inhalt nichts weiter als eine Ansammlung von Kisten – per Kubikmeter ab 13 Euro pro Monat. Für Michael Böck, 42, Mieter dieses Storage, hingegen sind die Zettelkonvolute, Zeugnisse einer Zeit vor Computer und Internet – wie Haltetaue in die persönliche Vergangenheit. Eine Einkaufsliste, mehrfach überschrieben, spontan notie­rte Gedanken, Veranstaltungskarten, Aphorismen, Skizzen zu einer Übersetzung und ein eilig aufgeschriebener Scherz kommen beim raschen Stöbern zum Vorschein. Zufallsfunde kann Lektor Böck manchmal auf Anhieb konkreten Momenten seines Lebens zuordnen. Die wichtigsten Zeitzeugen in den rund 20 Kisten möchte der Sammler irgendwann digital aufbereiten. Für ihn sind die Materialien Teile eines ungeschriebenen Tagebuchs. Böck bewahrt Texte auf wie andere Menschen Fotoalben. Die gebün­delten Notizblätter schweigen. Erst nach der Sichtung, diesmal mit elektronischen Hilfsmitteln, werden die Erinnerungsstützen wieder zu sprechen beginnen.
 

Zeitpuffer


Soziologin Carmen Keckeis, 27, hat sich in ihrer Diplomarbeit intensiv mit dem Phänomen Selfstorage auseinandergesetzt. Nach 16 Gesprächen mit MyPlace-Kunden bestätigt die Forscherin, dass sich die meisten Mieter nicht nur Raum, sondern auch Zeit frei stellen. Das Loslassen auf Knopfdruck funktioniert bei den wenigsten Menschen. Viele können sich erst schrittweise daran gewöhnen, dass Eingelagertes gar nicht gebraucht wird. MyPlace nutzt und erweitert seit 1999 eine Marktnische optimal, davor gab es nur große Lagerhallen am Stadtrand. Die Selfstorage-Gebäude liegen nun innerstädtisch gut verteilt, sodass sie innerhalb von zehn Autominuten erreichbar sind. Der Bedarf steigt, derzeit gibt es in Wien 15.000 Kunden. Für Keckeis stellte sich durch Befragungen heraus, dass es der Mehrheit nicht um eine Anhäufung von Statussymbolen geht, sondern vielmehr darum, ihren Besitzstand zu wahren. Der wachsende Wunsch nach Individualität und Kontinuität führt dazu, dass sich viele in Krisenzeiten noch stärker mit ihrem Hab und Gut identifizieren.
 

Zwei Wohnsitze


Lektor Böck sieht die hohe Nachfrage nach Storages auch darin begründet, dass Wohnraum immer teurer wird. Zusätzliche Lagerflächen seien daher verfügbarer als eine neue, größere Wohnung. Da auch ein Jahr nach Auslaufen seines alten Vertrages eine geeignete Mietwohnung ohne Befristung nicht in Sicht ist, hat der Zugang zu virtuellen Wohnräumen für ihn eine umso größere Bedeutung – zumal diese Räume relativ günstig sind. Um möglichst kein Futter für Datenhaie zu streuen, beschränkt er seine Wege im Web 2.0 auf ein wenig angesagtes Netzwerk mit schwacher Kommerzialisierung. „Ich habe einen festen Wohnsitz im virtuellen Raum und eine reale Wohnadresse auf Zeit“, resümiert Böck. „Und mein Büro ist dort, wo ich Platz für mein Notebook finde.“ Schon taucht er an der U-Bahn-Station Margaretengürtel in den Untergrund ab.
 

Requisiten einer Köchin


Stephanie Klaura, 28, hat schon viele Wege in ihrem Leben eingeschlagen, sie hatte bisher allein in Wien acht Adressen. Zum Hab und Gut der Weltenbummlerin zählen acht Kisten mit Dokumenten und Kleidung sowie drei Möbelstücke. Nach Aufenthalten in Berlin, Indien und Australien lebt die junge Wienerin derzeit in einer vierköpfigen Wohngemeinschaft. Aus Platzgründen hat sie das wichtigste Utensil ihrer kurzen Kochkarriere in einem Storage ausgelagert: Ein 25 Kilogramm schwerer Tranchierblock füllt neben zerlegten Möbeln den größten Teil der Lagerfläche aus. Inmitten von Reisesouvenirs und einer Bücherkiste stehen zwei Boxen von hohem ideellen Wert: Spielkonsolen, die ihr der Großvater vermacht hat. „Ich lebe materiell reduziert, Besitz belastet mich“, erklärt Klaura.
 

Outsourcing & Backup


Die hastenden U-Bahn-Benutzer, die im Bauch der Stadt verschwinden, um nach nur wenigen Minuten andernorts wieder aufzutauchen, erinnern an virtuelle Datenträger. Die Arbeits- und Wissensgesellschaft fordert täglich eine hohe Wendigkeit. „Viele Städter haben heute zwei Wohnsitze, einen beruflichen und einen familiären“, so die Soziologin Keckeis. Ein Großteil der Storage-Mieter sind sogenannte „Anpassungskunden“, die durch die räumliche Auslagerung einen Umzug vermeiden. Auch im digitalen Netz werden immer größere Datenmengen immer schneller verarbeitet und gesichert. Ausgelagerte Rechenspeicher und -leistung in einer riesigen Datenblase sind in aller Munde, sie ermöglicht den ortsunabhängigen Zugriff auf in der Wolke gespeicherte Informationen. User sind infolge von Datenverlusten und des streitbaren Datenschutzes verunsichert. Norbert Riepl, 51, Sprecher der Deutschen Telekom, erläutert: „Die genauen Speicherplätze der weltweiten, auch für den privaten Nutzer öffentlichen Datenwolken, die beispielsweise von Amazon oder Google angeboten werden, sind nicht immer bekannt. In dedizierten Clouds, etwa für Großunternehmen, sind Informationen hingegen immer auffindbar und müssen auch nach nationalem Recht abgelegt werden.“ Die Angst vor Hackerangriffen auf Verkehrs- oder Energiesysteme, die durch die Medien geschürt wird, relativiert Alfred Rebay, 41, Softwareentwickler der Deutschen Telekom: „So sind zum Beispiel deren Steuerrechner zumeist nicht ans Netz angeschlossen. Hackerangriffe sind oft auf die Schwachstelle Mensch zurückzuführen.“ Ein Passwort ist nur so sicher, wie der User es formuliert und schützt, und ein Bildschirm ist schnell fotografiert. Rebay vergleicht die Entwicklung der ausgelagerten Speicher mit der Schwarmtechnologie von Bienen. Ein und derselbe Datenzugriff erfolgt durch eine Vernetzung über viele verschiedene Routen. Den großen Vorteil sieht der Informatiker in der Ausfallsicherheit, da die Daten an mehreren Plätzen redundant abgelegt werden. 
 

Mundgerechte Kost


Fotograf und Dokumentar Peter Kainz, 50, sitzt vor seinem Apple und erzählt über vorgefertigte kleine Happen, die wir uns alle gerne einwerfen. Er vergleicht Apps mit „Hamburgern“, die rasch konsumiert werden können. Der Kunde gewöhnt sich an das Vorgefertigte und achtet nicht darauf, dass jeder Klick im Hintergrund sensible Daten weitergibt. „Wir leben im Zeitalter der Statistik. Viele User sind dagegen, dass Motive ihrer Fotos, die sie ins Netz stellen, ver­kauft werden. Doch die Marktforscher interessieren vielmehr die wirtschaftlichen Facetten: Mit welcher Kamera wurde wann zu welcher Tageszeit in welche Himmelsrichtung fotografiert?“, so Kainz. Er ist in seiner täglichen Arbeit mit einer wachsenden Unmün­digkeit des Kunden konfrontiert. Gemeinsam mit seiner Frau, Birgit Kainz, 52, digitalisiert er die Kunst­bestände im Wien Museum und Abschlussarbeiten der Universität für angewandte Kunst. „Ein Bild ist rasch im Netz zu finden, eine selbstgestrickte Datenbank ist für viele Bedürfnisse obsolet. Die Qualität dieser digitalen Archive erschließt sich erst ab einem gewissen Nut­z­ungsgrad, zum Beispiel für wissenschaftliche Arbeiten.“
 

Verlust an Individualität


Informatiker Rebay betrachtet mit leichtem Unbehagen, dass ein Großteil der User sich nur bedingt dafür interessiert, was sie durch die Vielzahl der täglichen Mausklicke bewirken. Die One-Button-Gesellschaft beschreibt er am Beispiel des Übergangs von der analogen zur digitalen Fotografie. Die Technik für den Laien wird immer leichter zu handhaben, jeder kann selbst experimentieren. Jedes beliebige Motiv wird abgeknipst. Durch diese „Inflation der Motive“ gehe Individualität verloren. Norbert Riepl betrachtet die zunehmende „Unmündigkeit“ der Kunden hingegen als positive Entwicklung, da er sich auf das Wesentliche konzentrieren könne. Er vergleicht: „Früher musste Software installiert, eingerichtet und konfiguriert werden. Heute erledigt das ein ,App‘. Letztendlich wird sich durchsetzen, was einfach funktioniert und datenschutzkonform ist.“
    Hinter den blauen Türen der Selfstorages werden Raum und Zeit frei gestellt, das Eingelagerte bewahrt seinen ideellen Wert. Die Konservenmusik verliert sich in den Lagerhallen hinter mir, der Straßenlärm am Gaudenzdorfer Gürtel hat mich wieder.

Text: UTE MÖRTL

Ute Mörtl studierte Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Geografie. Die Journalistin schreibt vor allem für Quer, Augustin, Der Standard und unterrichtet Deutsch an der Maturaschule Dr. Roland.