Gemeinsame Mitte

VinziRast ©gaupenraub +/–

Über Protest zu neuem Zusammenleben: VinziRast Einrichtungen in Wien. David Pasek stellt „Mittendrin“, das neue Projekt der Architekten gaupenraub +/–,
vor. Für Menschen, die vom
Rand zurück in die Gesellschaft geholt werden.


Revolten und Revolutionen gibt es in Österreich eher selten. In unseren Geschichtsbüchern wird sich künftig die Besetzung des Audimax wiederfinden: 2009 okkupierten Studenten verschiedene Hörsäle der Universitäten, unter anderem auch das Audimax der Uni Wien, und leiteten damit eine neue Ära des Protests ein. Unter dem Motto „Uni brennt“ wurde gefordert, dass die Universitäten wieder Bildung statt Ausbildung bieten, dass sie wieder demokratisiert werden und dass es keine Zugangsbeschränkungen gibt. Und dass auch in Zukunft auf Studienbeiträge verzichtet wird. Die monatelange Bewegung verstand sich als gesamtgesellschaftlich. Der Winter war kalt, Obdachlose zogen ins Audimax ein. Viele konnten im Protestbetrieb sinnvoll mithelfen. Den direkten Kontakt empfanden die Studenten ­als bereichernd.


VinziRast


Diese Erfahrungen nahm die federführende Studentengruppe der Proteste mit und suchte weiterhin nach Räumen. In der Währinger Straße stand schon längere Zeit ein Haus leer. Über Umwege kamen die Initiatoren mit dem konkreten Anliegen auf Strabag-Vorstand Hans-Peter Haselsteiner zu, ob er das Objekt für dieses Vorhaben erwerben könne. Haselsteiner fand die Idee gut, stellte den Kauf als Spende in Aussicht, unter der Bedingung, dass der Verein Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, kurz VinziRast genannt, Partner dieser Initiative wird. Eine große Chance für die VinziRast, die mit großem Engagement, Know-how und vielen Unterstützern seit 2004

VinziRast ©gaupenraub +/–

Dies ist keine Werbeeinschaltung. Dennoch wäre es hilfreich, wenn
Sie durch eine Spende, die so ganz nebenbei steuerlich absetzbar
ist, etwas zu „VinziRast Mittendrin“ beitragen könnten:
Kto.-Nr. 51413 533 033, BLZ 12000
IBAN: AT58 1200 0514 1353 3033, BIC: BKAUATWW


die Notschlafstelle und seit 2008 das Übergangswohnheim CortiHaus betreibt, das Ende 2009 um die eigenständige Wohngemeinschaft ergänzt wurde. Diese WG wurde als Zwischenstufe für den Wiedereinstieg in normale Lebensverhältnisse eingerichtet. „Die VinziRast-Einrichtungen verstehen sich als Orte der Übung des achtsamen, respektvollen und vorurteilsfreien Umgangs zwischen Menschen“, so Obfrau Cecily Corti. Der große Vorteil für die Nutzer der VinziRast ist, dass alles erlaubt ist, was das Zusammenleben nicht gefährdet: Dadurch ist es, anders als in vielen anderen Einrichtungen, möglich, auch Ausländern ein Dach über dem Kopf zu geben, genauso wie Menschen, die in Partnerschaft leben oder Tiere haben: „Die Nutzer bezahlen 2 Euro pro Nacht, was in Summe ein bedeutender Pfeiler unserer Finanzierung ist“, ergänzt Corti.


Mittendrin


Das neue Vorhaben, die „VinziRast Mittendrin“, ist ganz bewusst zentral in Wien lokalisiert, um sichtbar zu machen, dass Wohnungslosigkeit nicht an die Peripherie einer von dieser Problematik „gesäuberten“ Stadt gedrängt werden darf. Bernd Roeck, Universität Zürich: „Wie eine Gesellschaft mit ihren Randgruppen, ihren Minderheiten und Außenseitern umgeht, ist ein wichtiger Indikator für ihre Befindlichkeit – für ihr Maß an Toleranz, an Integrationskraft, überhaupt für die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, die in ihr herrschen. Deshalb ist die Geschichte der Außenseiter, derer, die am Rand leben, alles andere als ein Nebenthema.“
    Das Angebot ist sehr breit und dabei niederschwellig angelegt: Im Erdgeschoß wird es ein Lokal ohne jeden Konsumzwang geben, Veranstaltungsräume für vielfältige kulturelle Aktivitäten, Studierräume, Werkstätten, Räume für ehrenamtliche Mitarbeiter, die das Projekt unterstützen, aber auch Startwohnungen, die sowohl Obdachlosen als auch Studenten offenstehen werden. Das Wohnprinzip ist darauf ausgelegt, jedem Bewohner einen wirklich privaten Bereich zur Verfügung zu stellen, um eine jede Differenzierung über halbprivate, halböffentliche und öffentliche Variationen durchzuspielen. Dennoch kann es zu Situationen kommen, die eng werden können. Auch dafür gibt es Abhilfe: ein nutzungsfreies Atelier mit Dachterrasse und einem Dachgarten, die nach oben hin „offen“ sind.
    Geplant wird der Umbau von den Architekten gaupenraub +/–. Sie haben die bisherigen VinziRast-Projekte ehrenamtlich betreut und arbeiten an diesem Projekt gegen einen Unkostenbeitrag und mit viel Engagement. Alexander Hagner: „Als sich herausstellte, dass ich irgendwas mit Architektur machen wollte, habe ich mir vorgenommen, dass ich, wenn ich später einmal ein großer Architekt sein würde, ein Dorf für Obdachlose bauen wollte. Ich fühlte mich immer so hilflos, wenn ich jemandem, der auf der Straße lebt, nur ein wenig Geld geben konnte. Da habe ich mir gedacht, dass ich mit diesem Beruf die Möglichkeit haben werde, mehr zu tun. Weil „obdachlos“ eben heißt: „Ich habe kein Dach über dem Kopf!“ Wenn man aber ein Dach baut, ist schon etwas erreicht. Damals hatte ich allerdings noch geglaubt, Architekten verdienten ganz viel Geld und könnten dann irgendwie aus der Portokassa Abhilfe schaffen.“
    An der Räumung des Gebäudes waren obdachlose Helfer bereits mit großem Eifer und ehrenamtlich beteiligt. Zwei Helfer sind mittlerweile, lange vor der statistischen Lebenserwartung, verstorben. Das zeigt einmal mehr, wie prekär und dramatisch ihre Lebensumstände sind. Die VinziRast gibt vielen Menschen die Möglichkeit, sich sinnvoll einzubringen, zu helfen und damit ein Stück der gesellschaftlichen Verantwortung zu übernehmen.

Text: DAVID PASEK

VinziRast ©gaupenraub +/–

gaupenraub +/–: Das sind Ulrike Schartner und Alexander Hagner sowie wechselnde Projektpartner: gaupenraub +/– geht es um nichts Geringeres als Höchstleistung in der Architektur. Dieses Prinzip wenden sie auch auf soziales Design an. Sie lieben Aufgaben, die sie zwingen, erfinderisch zu sein. Projekte sollen sinnstiftend sein. Statt Raumgrenzen zu definieren, bemühen sich die beiden lieber, diese zu verwischen, um letztlich oft auch zählbar an Raum zu gewinnen. Aus ihrer Feder stammen, neben den oben genannten Projekten, unter anderem das Eiermuseum von Wander Bertoni sowie Sanierung, Umbau und Erweiterung des Betriebsgebäudes der MCM Klosterfrau GmbH, die kürzlich fertiggestellt wurden. www.gaupenraub.net