Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen

Von Fliegenden Gärten, bionischen Raumschiffen, Amphibienvehikeln und ökologischen Visionen.

    FLIEGENDE GÄRTEN

Ferngesteuerte Biotope, die wie überdimensionale Insekten aussehen, schweben über den Dächern unserer Städte. Auf ihrer photovoltaischen Silberhaut, aus der grüne Tentakel ragen, sitzen Sensoren und Rezeptoren. Ganze Schwärme dieser grünen Luftschiffe sind darauf spezialisiert, nach verschiedenen Mustern zu wandern. Die meisten tageszeitlich, doch es gibt auch ,Migrations-Gärten‘, die weitere Strecken fliegen, im Sommer nach Süden, im Winter nach Norden. Wie Zugvögel. Dorthin, wo sie den Menschen zusätzlich Schatten, Feuchtigkeit und Sauerstoff bringen können. Wie Staubsauger sammeln sie zudem Daten vom Wetter, von Verkehrsströmen, von der Luftverschmutzung oder vom Lärm. Abends sammeln sich die schwebenden Grünflächen wieder in größeren Einheiten, um geordnet zu Ladestationen zurückzukehren. Wie Fledermäuse hängen sie nun in ihren Basen und tanken auf. Die Pflanzen benötigen Feuchtigkeit, während die Triebwerke wieder mit Energie gefüllt werden. Die nächste Reiseroute steht erst fest, wenn alle Daten ausgewertet sind. Roboter, Luftraumexperten, Meteorologen, Landschaftsplaner, Architekten und Schwarmintelligenz-Forscher entwickeln erste Modelle solcher wandernden Luftgärten. Die beiden kalifornischen Architekten Rael San Fratello sind davon überzeugt, dass die Lüfte in unseren Städten schon bald nicht mehr nur von Insekten und Vögeln bevölkert werden. Ob die Forscher neben GPS auch die Echolotung der Fledermäuse in ihre Bewegungsabläufe einfließen lassen werden, wird sich zeigen.
    Wien ist mit 50 Prozent Grünflächen weltweit eine der grünsten Städte. Die hängenden Gärten, die nicht nur gute Luft, sondern auch wissenschaftliche Informationen liefern, stellen auch für die Donau­
metropole eine zukunftsweisende Erfindung dar.


    DONAUKANAL

Die schifffahrtsbedingte Wasserverschmutzung könnte durch ein futuristisch anmutendes Amphibienvehikel namens „Physalia“ reduziert werden. Die Beschichtung der Außenhülle überwiegend aus Titandioxid sorgt mit Sonneneinstrahlung für die Selbstreinigung des Gewässers. Die stromlinienförmige Agora wirkt daher als Katalysator. Der belgische Architekt Vincent Callebaut mit Sitz in Paris entwirft Modelle, die in naher Zukunft nicht nur europäische Wasserwege reinigen, sondern vor allem Experten vernetzen sollen. Im Prototyp wird sich ein Labor für Wissenschaftler befinden, die sich über die schwimmende Plattform europaweit austauschen können. Solarzellen, die wie filigrane Gräten eines Fisches die Struktur stützen, erzeugen die nötige Antriebsenergie. Wie eine nebelige Dampfwolke wird das bionische Schiff das Umfeld mit Feuchtigkeit versorgen. Ob die intelligente ,Wasserblase‘ auch am Donaukanal anlegen wird? Der 17,3 Kilometer lange Seitenarm der Donau reicht von der Brigittenauer Brücke bis zur Erdberger Lände und ist ein zentraler Wiener Wirtschafts- und Naturraum. Dass hier heute in zentrumsnaher Lage eine neue Skyline entsteht und sich Menschen dort wieder gerne aufhalten und erholen, ist dem Masterplan des Jahres 2007 zu verdanken. Dadurch wurden Nutzungskonflikte beseitigt, zudem wurde die Zugänglichkeit verbessert und der wichtige Wasserweg kulturell belebt.


    ARCHITEKTUR ALS BRÜCKE

Ökonomen und Ökologen interpretieren Wirtschaftlichkeit sehr unterschiedlich. Ist sie ein entscheidender Faktor in der Kosten-Nutzen-Rechnung, ist sie als Modell erneuerbarer und reduzierter Energien eine der großen Herausforderungen unserer Zukunft. Wobei diese Grenzen nicht immer klar definiert sind. Grüne Architektur sitzt oft zwischen zwei Stühlen. Grüne Bauwerke können eine Brücke, ein Scharnier zwischen Wirtschaft und intelligentem Naturhaushalt bilden. Es gibt eine Reihe bemerkenswerter Ansätze, den Lebenszyklus eines Hauses – von der Errichtung bis zum Abbruch – so zu berechnen, dass die Umweltbelastung so gering wie möglich gehalten werden kann. Dieses Denken in Kreisläufen bewirkt, dass Flächen wieder so gesehen werden, dass weitere Zersiedelung verhindert und Gebäude für lange Zeiträume geplant werden können. Grünes Bauen geht über das Anbringen von Solarzellen weit hinaus. Der Wiener Architekt Roland Rainer hatte zeit seines Lebens das Ziel, Städte zu bauen, die den Menschen zum Maßstab haben und in denen Gebäude und Natur ineinander­fließen. Als Stadtplaner provozierte er mit seinen radikalen Ideen und Visionen. Zugleich setzte er sich für eine nachhaltige Architektur ein, lange bevor dieser Begriff zum Modewort wurde. Der 2004 verstorbene Doyen der Wiener Architektur und Stadtplanung hatte einst gesagt: „Wenn Entscheidungen lebensnah ausfallen sollen, dann wird man sich wohl der Mühe unterziehen müssen, alle Eigenschaften einer Wohnung – auch die nicht durch Vorschriften bestimmbaren, aber vielleicht umso wichtigeren psychischen, ökologischen, biologischen Kriterien – zu hinterfragen, um eine heute und morgen gültige Antwort zu finden.“


    SCHLICHTHEIT

Der Wiener Architekt Georg Driendl ist überzeugt, dass es in allen Bereichen in erster Linie zu einem Umdenken im Pro-Kopf-Verbrauch kommen muss: „Wenn für alle eine Grenze gilt, ist die Entscheidung zu treffen: wenig für viele oder alles für wenige.“ Als Gestalter des schlichten Wohngebäudes Solar Tube in Döbling wünscht er sich für die Stadtplanung und Architektur ein „Abräumen von Dekorativem für die freie Sicht auf strukturelle Ineffizienz“. Diese kritische Aussage wirft die Frage auf, ob sich die Architektur Abgehobenheit noch leisten kann. Städte verwesen nicht nur in Amerika, sondern auch vielerorts in Europa bereits im Kern.


    ZERSIEDELUNG

Armut zwingt Einkommensschwache in weniger begehrte Wohnlagen. Dorthin, wo es laut, wo die Luft schlecht ist, oder in die Vorstadt. Am Stadtrand gibt es nicht nur schöne Lagen mit guter Verkehrsanbindung, in neuen Stadtteilen wie Aspern wird mit großem Aufwand an der verlängerten U-Bahn-Anbindung gebaut. Jene Energie, die bei der Herstellung, dem Transport, der Lagerung und Entsorgung von Produkten anfällt, wird „graue Energie“ genannt. Mit dieser indirekten Energie, einem in Zusammenhang mit der Erschließung von neuen Stadtteilen noch neues Forschungsfeld, beschäftigen sich Experten des österreichweiten Projektes ZERsiedelt, das bis Ende Mai 2011 vom Klima- und Energiefonds finanziert wird. Die Forschergruppe bringt ihr Wissen über heimische Wohn- und Siedlungsstrukturen in die Energie- und Klimaschutzpolitik ein. Die Ergebnisse unterstützen nachhaltige Bauentscheidungen. Der Anteil grauer Energie steigt mit den Baustandards an und beträgt je nach Gebäudeform bis zu 34 Prozent des energetischen Gesamtaufwands. Berechnungen der Forscher bestätigen, dass die Wärmedämmung von Gebäuden in zentralen Lagen sinnvoller ist als die Genehmigung von Neubauten am unzureichend erschlossenen Stadtrand.

Fassaden der Geschäftsstraßen ©heri & salli

    ENERGIEARMUT

Das bis 2010 landesweit laufende Projekt Nachhal­tiger Energieverbrauch und Lebensstile untersuchte erstmals den Zusammenhang zwischen Lebensstil und Energiekonsum. Der Fokus lag auf armutsgefährdeten Haushalten, um Maßnahmen für Energie­reduktion zu erarbeiten. Energiesparen ist den Ergebnissen zufolge für viele dieser Haushalte unmöglich, da das einen weiteren Verlust der bereits eingeschränkten Wohnqualität bedeutete. Inklusive Heizen im Winter. Architektin Alexandra Bauer ist in der firmenunabhängigen Umweltberatung tätig. Die Expertin ist auch mit sozialer Energiearmut konfrontiert. Die 35-Jährige ortet eine Verunsicher­ung in der Bevölkerung: „Wenn immer es zu Engpässen in der Versorgung mit Erdöl oder Erdgas kommt, steigen die Anfragen spürbar an. Als Putin vor zwei Jahren erneut das Gas in der Ukraine abdrehte, wollten viele Kunden auf erneuerbare Energie wie Biomasse oder Erdwärme umsteigen. Nach der Katastrophe in Japan lautete der Grundtenor: Ausstieg aus dem Atomstrom.“


    ZACKIGE FASSADE

ENERGYbase wurde 2008 in der Giefinggasse, Floridsdorf, von den Wiener pos-Architekten fertig gestellt. Das Gebäude gilt als Vorzeigemodell eines Passivbürohauses. Die Kühlung im Sommer wird mit Solarenergiezellen gesteuert, die im Winter wiederum als Heizungsunterstützung dient. Die Architekten haben mit einer speziellen Falttechnik eine innovative Südfassade entworfen: Sie ermöglicht einen hohen Verglasungsanteil, das Sonnenlicht kann so bestmöglicht genutzt werden. Im Winter, wenn die Sonne tief steht, kann die Wärme mit einer speziellen Luftführung eingefangen und im ganzen Gebäude verteilt werden. Im Sommer wird die Fassade verschattet. In sogenannten Grünraumpuffern werden Pflanzen eingesetzt, in Schächten befeuchtet Zyperngras die Zuluft, die so präzise gesteuert werden kann.


    ENERGIEAUTARK

Bemerkenswert ist der 2009 von Architekt Heinrich Trimmel realisierte Zubau des Ökohotels Boutiquehotel Stadthalle, weltweit das erste Null-Energie-Bilanz-Hotel. In einem Jahr verbraucht das Gebäude gleich viel Energie wie es erzeugt. Ermöglicht wird das durch eine Grundwasserwärmepumpe, Solarzellen und drei Windräder. In den Wänden sorgt Wasserzirkulation für kontrolliertes Heizen und Lüften. Nutzwasser liefert der Regen, der hauseigene Brunnen wiederum Kühlenergie und Grundwasser für die Wärmepumpenanlage. Die für die Wohnraumlüftung notwendige Energie kann durch gezielte Wärmerückgewinnung fast zur Gänze eingespart werden.


    LEERLAUF

Die jungen Wiener Architekten heri&salli beschäftigen sich in ihrer städtebaulichen Studie Exit City mit zweckfreien Räumen für neue Spielräume. Der wirtschaftliche Nutzen einer Fläche ist dabei sekundär. ,Bürgerlauben‘ ermöglichen beispielsweise, dass Passanten selbst bestimmen können, wo sie sich gerne erholen möchten. heri&sallis grüne Einraumgerüste können überall angebracht werden, selbst an Häuserfronten in stark frequentierten Geschäftsstraßen. „Die Bürgerlauben können als grüne Parasiten an Fassaden befestigt werden, die bestehende Stadt ist der Wirt“, so Heribert Wolfmayr. Nicht die Stadt soll sich über die Menschen stülpen, sondern sie sind es, die ihre Freiräume selbst gestalten, so das Motto der Architekten. Auch mit kunstvoll begrünten Wänden kennen sich heri&salli aus: Das vertikale Grün war ein kreativer Impuls für ihr Projekt Fenster zum

Gürtel Wien ©heri & salli

Hinterland. Durch überdimensionale, bewachsene, in Stahlgerüsten wandelnde Fenster entstehen Sichtachsen zwischen optisch getrennten Straßenzügen. Wie versetzte Dominosteine wirken etwa die Modelle grüner Durchgänge als fragmentarische Prototypen zwischen dem inneren und äußeren Gürtel. Die als Riesenhecken getarnten Passagen zwischen Grundsteingasse und Brunnengasse werden schon nächstes Jahr zu begehen sein.

Text: UTE MÖRTL

Fotos: HERI&SALLI

Ute Mörtl studierte Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Geografie. Die Journalistin schreibt vor allem für Quer, Augustin, Der Standard und unterrichtet Deutsch an der Maturaschule Dr. Roland.